Renteneintrittsalter weltweit: Wer muss (künftig) am längsten arbeiten?

Rainer Hellstern26. Oktober 2019 in Rente im Ausland

Rente mit 60, 67 oder künftig mit 70? Die meisten Menschen würden vermutlich einen frühen Ruhestand mit 60 Jahren bevorzugen. Doch die Tendenz geht weltweit eher in die entgegengesetzte Richtung. In zahlreichen Ländern wurden in den letzten Jahren gesetzliche Regelungen zur Anhebung des Renteneintrittsalters getroffen. Wer künftig wie lange arbeiten muss und wohin die Entwicklung im Extremfall führen kann, zeigt der folgende Artikel.

Das Renteneintrittsalter in Deutschland

Wer in Deutschland mindestens 45 Beitragsjahre in die Rentenversicherung eingezahlt hat und vor 1958 geboren wurde, kann ohne Abschläge mit 63 Jahren in Rente gehen. Das Renteneintrittsalter wird allerdings jährlich um 2 Monate erhöht, so dass Jahrgänge ab 1958 mit 64 Jahren und Jahrgänge ab 1964 erst mit 65 Jahren in Rente gehen können.

GeburtsjahrgangAnhebung um … Monateauf Alter
  JahrMonat
19532632
19544634
19556636
19568638
1957106310
195812640
195914642
196016644
196118646
196220648
1963226410
196424650

Wer hierzulande weniger als 45 Beitragsjahre in die Rentenversicherung eingezahlt hat und vor 1958 geboren wurde, kann mit 65 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen. Das Renteneintrittsalter wird allerdings ebenfalls jährlich um einen Monat (bzw. in einigen Jahren um zwei Monate jährlich) erhöht und steigt bis 2031 schrittweise auf 67 Jahre an. Für alle Geburtsjahrgänge ab 1964 gilt dann die Rente mit 67.

GeburtsjahrgangAnhebung um … Monateauf Alter
  JahrMonat
19531657
19542658
19553659
195646510
195756511
19586660
19598662
196010664
196112666
196214668
1963166610
196418670

Einige Ökonomen fordern allerdings bereits, dass das Renteneintrittsalter hierzulande auf 70 Jahre angehoben werden muss. Hintergrund ist, dass die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer (Jahrgänge 1955 bis 1969), in den nächsten Jahren nach und nach in Ruhestand gehen und dadurch der finanzielle Druck auf die Rentenkasse stark ansteigen wird. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und der geringen Geburtenrate hierzulande müssen langfristig immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Senioren finanzieren. Bereits heute funktioniert das Umlagesystem – Arbeitnehmer finanzieren Rentner – allerdings nicht mehr. Der Staat muss annähernd 100 Milliarden Euro jährlich aus Steuergeldern zuschießen. Das sind bereits 28 Prozent des Gesamthaushalts und wenn die Kosten in Zukunft weiter steigen für den Haushalt immer weniger tragbar. Da die Durchschnittsrente heute aber nur bei knapp 1.000 Euro monatlich liegt, sind Rentenkürzungen wenig populär und kaum durchsetzbar. Es bleibt daher kaum eine andere Möglichkeit, als das staatliche Rentenalter weiter zu erhöhen.

Von Stefan Silies – Statistisches Bundesamt, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3146352

Das Renteneintrittsalter in Europa

Eine Erhebung des OECD aus dem Jahr 2016 gibt Aufschluss über das gesetzliche Renteneintrittsalter der meisten europäischen Länder. Hierbei muss allerdings beachtet werden, dass das tatsächliche Renteneintrittsalter in vielen Fällen darunter liegt und sehr viele Rentner mit Abschlägen vorzeitig in den Ruhestand gehen. In Deutschland wird mit einem gesetzlichen Renteneintrittsalter von über 65 Jahren vergleichsweise lange gearbeitet. Lediglich in den Ländern Island, Irland, Niederlande, Polen und Portugal und Norwegen muss aktuell noch etwas länger gearbeitet werden.

Länder, in denen das gesetzliche Renteneintrittsalter ebenfalls bei mindestens 65 Jahren liegt, gibt mittlerweile viele (das war noch vor wenigen Jahren anders). Zu nennen sind beispielsweise Dänemark, Finnland, Schweden, Spanien, Österreich, Schweiz und Großbritannien. In einigen der Länder sind Frauen momentan noch etwas besser gestellt. In Österreich dürfen Frauen bereits mit 60 ohne Abschläge in Rente gehen, in Polen mit 61 und in Großbritannien mit 63. Allerdings ist bereits absehbar, dass diese Vorteile im Rahmen der kommenden Rentenanpassungen wegfallen werden.

Gesetzliches & tatsächliches Renteneintrittsalter in Europa (OECD 2016)*

Hinweis für Handynutzer: diese Tabelle lässt sich seitlich verschieben.

LandGesetzliches Renteneintrittsalter (Männer/Frauen sofern nicht einheitlich)*Tatsächliches Renten-eintrittsalter (Männer/ Frauen)geplantes RentenalterDurchschnittliche Lebenserwartung (Männer/ Frauen)**
Österreich65/6062/60,66578,9/84,3
Belgien6561,3/59,76778,4/83,7
Tschechien63/62,362,5/60,8 75,7/81,8
Dänemark6563,7/63,16777/82
Estland6364,8/65,3 71,9/81,7
Finnland6563,2/62,5 77,9/84
Frankreich61,660/60,36778,7/85,1
Deutschland6563,3/63,267 (2031)78,4/83,1
Griechenland6262/60,26777,9/83,3
Ungarn63/6063,6/60,7 72,2/79,8
Island6769,7/67,2 80,9/85,3
Irland6666,9/63,56878,5/83,2
Italien66,6/65,662,1/61,36779,6/85
Island6769,7/67,2 80,9/85,3
Irland6666,9/63,56878,5/83,2
Italien66,6/65,662,1/61,36779,6/85
Lettland62,7562/61,2 69,9/79,3
Luxemburg6061,2/616579,8/84,9
Niederlande65,563,5/62,3 79,2/83,6
Norwegen6766,2/64,4 79,8/83,9
Polen66/6162,6/59,8 73,7/81,7
Portugal66,269/64,9 76,1/82,6
Slowakei6260,8/59,5 73,5/80,9
Slowenien59,3/5962,3/60,9 74,6/82
Spanien6562,2/62,66778,7/84,9
Schweden6565,8/64,66580,2/84,1
Schweiz65/6466/64,36580,3/85
Türkei60/5866,1/66,5 72,5/77,3
Vereinigtes Königreich65/6364,6/63,26878,5/83
Russland***60/5565/6064,3/76,4

*Gesetzliches & tatsächliches Renteneintrittsalter: Quelle: OECD 2016 – http://www.oecd.org/els/emp/average-effective-age-of-retirement.htm
**Durchschnittliche Lebenserwartung: Quelle: CIA World Factbook 2016 – https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_durchschnittlichen_Lebenserwartung_in_den_Staaten_der_Erde
***Russland ist kein OECD Mitglied. Die Daten zum gesetzlichen Renteneintrittsalter stammen von Spiegel Online: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/russland-und-die-rentenreform-wladimir-putins-riskanter-milliarden-sparplan-a-1225906.html

Wer früher in Rente darf

Mit einem niedrigen gesetzlichen Renteneintrittsalter aufweisen können Estland, Tschechien, Ungarn (63 Jahre für Männer, 60 Jahre für Frauen), Slowakei, Griechenland und Frankreich. Am arbeitnehmerfreundlichsten sind derzeit die Länder Luxemburg (60 Jahre) und Slowenien. In Slowenien endet das Arbeitsleben bereits mit 59,3 Jahren bei Männern und 59 Jahren bei Frauen. Allerdings gibt es auch in diesen Ländern Bestrebungen das gesetzliche Renteneintrittsalter künftig zu erhöhen.

Sonderfall Russland

Russland zeigt wohin die Entwicklung im schlimmsten Fall gehen kann. Hier lag das gesetzliche Renteneintrittsalter für Männer bisher bei 60 und Frauen bei 55 Jahren. Im Juni 2018 wurde allerdings eine Rentenreform vorgestellt, bei der das Eintrittsalter für Männer auf 65 und Frauen auf 63 Jahre bis zum Jahr 2034 erhöht werden soll. Das große Problem ist allerdings, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern (je nach Quelle) nur zwischen 65 und 67 Jahren liegt. D.h. das neue Renteneinstiegsalter für Männer wäre maximal ein bis zwei Jahre niedriger als die geschätzte Lebenserwartung, so dass ein erheblicher Teil der russischen Bevölkerung dieses nicht mehr erreichen würde. Zumindest für Frauen soll das Renteneintrittsalter nach sehr viel Kritik aus der Bevölkerung auf nur 60 Jahre erhöht werden.

Das Renteneintrittsalter weltweit

Aber auch außerhalb Europas lässt sich die Alterung der Gesellschaft nicht aufhalten. Auch in beliebten Einwanderungsländern wie Australien oder den USA wird das gesetzliche Renteneintrittsalter in den kommenden Jahren erhöht. Kritisch wird sicherlich auch die Entwicklung in Japan, ein Land mit kaum Einwanderung und einem bereits heute sehr hohen Durchschnittsalter von fast 50 Jahren. In Japan liegt das tatsächliche Renteneintrittsalter bereits heute über dem staatlichen Renteneintrittsalter.

Hinweis für Handynutzer: diese Tabelle lässt sich seitlich verschieben.

LandGesetzliches Renteneintrittsalter (Männer/Frauen sofern nicht einheitlich)Tatsächliches Renten-eintrittsalter (Männer/ Frauen)geplantes RentenalterDurchschnittliche Lebenserwartung (Männer/ Frauen)**
Australien6565,2/63,66779,8/84,8
Kanada6565,9/63,1 79,2/84,6
Chile65/6070,9/67,2 75,7/81,9
Israel67/6269,3/66,5 80,6/84,4
Japan6570,2/68,8 81,7/88,5
Südkorea6172/72,2 79,3/85,8
Mexiko6571,6/67,5 73,1/78,8
Neuseeland6568,4/66,4 79,1/83,3
Vereinigte Staaten6666,8/65,46777,5/82,1

Fazit

Das Renteneintrittsalter wird weltweit in den kommenden Jahren steigen und vermutlich in den meisten (westlichen) Ländern auf ein Alter von 67 Jahren oder höher angehoben. Staatliche Renten werden aufgrund der angespannten Lage vieler Staatshaushalte in Zukunft zudem weniger großzügig ausfallen, so dass Einzelpersonen künftig noch mehr Eigenverantwortung übernehmen und privat vorsorgen müssen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .