Pflege im Ausland: echte Alternative oder billige Notlösung?

Rainer18.07.2015 in Rente im Ausland

Pflege im Ausland © Photographee.eu - Fotolia.com

Die Pflege in Deutschland wird immer teurer – dass dieser Satz keine leere Phrase ist, beweisen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Im Jahr 2013 gab es 2,63 Millionen pflegebedürftige Menschen in Deutschland, mehr als 400.000 Menschen davon benötigten Pflegehilfsleistungen, da sie ihre Pflege nicht selbst be­zahlen konnten. Die Zahl dieser Personen steigt Jahr für Jahr an, denn einerseits werden die Menschen in Deutschland immer älter, auf der anderen Seite steigen aber auch die Kosten für gute Pflege­heime ständig. Im Jahr 2050 rechnet man mit 4,7 Millionen pflegebedürftigen Menschen – jeder 15. Deutsche wäre dann ein Pflegefall. Wer die Kosten hierzulande nicht mehr tragen kann, fragt sich natürlich, ob günstigere Pflegeheime im Ausland (vor allem in Osteuropa) eine Alternative zur hiesigen Misere sind. Welche Vor- und Nachteile die Pflege im Ausland hat und welche Kosten damit verbunden sind, zeigt der folgende Artikel:

Kosten der Pflege in Deutschland

In Deutschland werden Pflegebedürftige in die drei Stufen erheblich, schwer- und schwerstpflegebedürftig eingeteilt. Je nach Pflegestufe wird von der Pflegeversicherung ein bestimmter Anteil übernommen:

Pflegestufe Durchschnittliche monatliche Kosten für ein Pflegeheim Anteil der gesetzlichen Pflegeversicherung Eigenanteil
Stufe I (erheblich Pflegebedürftig) 2.538 Euro 1.023 Euro 1.515 Euro
Stufe II (schwer Pflegebedürftig) 2.965 Euro 1.279 Euro 1.686 Euro
Stufe III (schwerst Pflegebedürftig) 3.485 Euro 1.550 Euro 1.935 Euro

Quelle: Statistisches Bundesamt am Beispiel Baden-Württemberg

Wer in der dritten Pflegestufe eingeordnet ist, muss mit Kosten von monatlich ca. 3.400 Euro rechnen – die gesetzliche Krankenkasse übernimmt lediglich 1.500 Euro. Somit würde der Eigenanteil des Rentners 1.900 Euro im Monat betragen; für Rentner mit niedriger Rente ist dieser Betrag meist einfach unbezahlbar, etwaiges Erspartes ist schnell aufgebraucht. Ergänzend sind die Kinder unterhaltspflichtig, nur ein Schonvermögen von 70.000 Euro bleibt unangetastet. Reicht auch das Geld der Kinder nicht, bleibt nur die staatliche Unterstützung.

In den Pflegestufen I und II sieht es nicht sehr viel besser aus: In Pflegestufe I zahlt die gesetzliche Krankenkasse 1.023 Euro zum Pflegeplatz dazu, in Pflegestufe II sind es immerhin schon 1.279 Euro. Der Weg von der Pflegebedürftigkeit in die Armut ist daher nicht weit. Auch für den Staat bedeuten viele pflegebedürftigen Menschen mehr Ausgaben. Mehr als 3,5 Milliarden Euro fließen jedes Jahr als Hilfszuwendungen an pflegebedürftige Menschen. Bis zum Jahr 2050 muss man in Deutschland mit einer Finanzierungslücke von bis zu zwei Billionen Euro rechnen. Eine Alternative, die daher immer mehr Menschen in Betracht ziehen, ist die Pflege im Ausland.

Kosten für die Pflege im Ausland

Wie aber kann man dieser Misere entgehen? Die Antwort scheint einfach und lautet “Pflege im Ausland”. Vor allem in Osteuropa (z.B. in Polen, Tschechien oder Ungarn) ist diese nämlich durchaus bezahlbar. Doch auch Thailand erfreut sich einer steigenden Beliebtheit. Ein Platz in einem Pflegeheim kostet hier in günstigen Fällen nur ca. 1.400 Euro monatlich (inkl. Vollpflege und Mahlzeiten). Generell liegen die Kosten bei 30 bis 50 Prozent von dem, was man in Deutschland bezahlen würde. Möglich sind diese Preise durch die verhältnismäßig niedrigen Arbeitskosten in diesen Ländern. Ein Pfleger in Ost­europa verdient beispielsweise zwischen 400 und 500 Euro monatlich. Nicht umsonst gibt es bereits Modellversuche, Pflege­kräfte aus Osteuropa oder Südostasien nach Deutschland zu holen.

Wer übernimmt die Kosten im Ausland?

Die deutsche Pflegeversicherung ist allerdings nicht dazu ver­pflichtet, die Pflege im Ausland zu bezahlen. Somit kann ein Pflegeplatz auch im Ausland teuer werden, denn die deutsche Pflegeversicherung muss im europäischen Ausland (EU, EWR und Schweiz) nur das Pflegegeld zahlen, monatlich zwischen 235 und 700 Euro. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs haben Pflegebedürftige im Ausland keinen Anspruch auf Pflege­sachleistungen aus Deutschland. Unter Sachleistungen versteht man beispielsweise die „häusliche Pflege durch eine professionelle Pflegekraft” oder das Anmieten von Hilfsmitteln. Pflegebedürftige in Deutschland (mindestens Stufe I), welche sich zu Hause durch einen Pflegedienst versorgen lassen, haben darauf Anspruch. Sie können mit einem Wohnsitz im europäischen Ausland lediglich solche Sachleistungen bei Pflegebedürftigkeit erhalten, die Sie nach dem dortigen Recht beanspruchen können. In vielen europäischen Ländern gibt es aber keine vergleichbare Versicherung wie in Deutschland. Im außereuropäischen Ausland haben Sie weder auf Pflegesachleistungen noch auf Pflegegeld Anspruch.

Pflegestufe Pflegegeld monatlich (Möglich in der EU, EWR und Schweiz) Pflegesachleistung monatlich (KEIN ANSPRUCH IM AUSLAND)
Stufe I (erheblich Pflegebedürftig) 235 Euro 450 Euro
Stufe II (schwer Pflegebedürftig) 440 Euro 1.100 Euro
Stufe III (schwerst Pflegebedürftig) 700 Euro 1.550 Euro

Quelle: Leistungen der Pflegeversicherung. Bundes­ministerium für Gesundheit (2015).

Auslandsrentner und Angehörige sollten sich frühzeitig bei der Pflegekasse über die genauen Leistungsansprüche informieren und müssen dann im Einzelfall gegenrechnen, ob die Pflege im Ausland aus finanzieller Sicht eine Alternative darstellt. Bedenken sollte man auch die weiteren Kosten wie zum Beispiel Reise- und Benzinkosten, die durch die längere Anfahrt bei regelmäßigen Besuchen entstehen.

Hinweis: Wer plant, im Alter auszuwandern, oder generell Sorgen bezüglich der Finanzierung im Pflegefall hat, sollte über den Abschluss einer privaten Pflegezusatzversicherung nachdenken. Eine solche Versicherung zahlt unabhängig vom jeweiligen Wohnort eine vereinbarte Summe im Pflegefall.

Wie findet man ein gutes Pflegeheim im Ausland?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten ein passendes Pflegeheim in Ausland zu finden:

  • Online-Recherche

Pflegeheime im Ausland findet man beispielsweise im Internet über die Google-Suche (z.B. mittels einer Suchanfrage  wie „Seniorenresidenz in Polen“).  Die Webseiten der Pflegeeinrichtungen bieten zum Teil detaillierte Beschreibungen in deutscher Sprache (Wohn­möglichkeiten, Ausstattung, Preis und Lage). Ob das entsprechende Pflegeheim die Erwartungen erfüllen kann, sollte man im Rahmen eines persönlichen Besichtigungs­termins ergründen. Eine hilfreiche Checkliste, die wichtige Entscheidungskriterien für die Auswahl eines Pflegeheims enthält, ist beispielsweise auf der Website der Weissen Liste zu finden.

Hinweis: Hier habe ich eine Liste mit einigen Seniorenresidenzen im Ausland angelegt. Die Liste wird künftig noch erweitert.

  • Konsulate

In einigen beliebten Ferienregionen (z.B. Spanien) gibt es deutsche und deutsch­sprachige Altenheime, Seniorenresidenzen und ambulante Pflege­dienste. Informationen hierzu erhält man über die deutschen Konsulate der entsprechenden Region.

  • Empfehlungen / Mundpropaganda

Empfehlungen von Freunden und Bekannten oder Zeitungsartikel sind ebenfalls eine gute Möglichkeit, ein passendes Pflegeheim zu finden. Über das Alzheimerzentrum Baan Kamlangchay in Thailand berichtete beispielsweise kürzlich die Zeit in der Online-Ausgabe. Das Heim befindet sich in einem Vorort von Chiang Mai, der zweitgrößten Stadt in Thailand. Dieses Pflegeheim wurde von einem Schweizer gegründet, Martin Woodtli lebt mit seiner thailändischen Frau heute selbst hier. In Thailand sind die Pflegekräfte sehr freundlich und kümmern sich rund um die Uhr um die Patienten. Dies zeugt davon, dass man in Thailand auch vor älteren und kranken Personen großen Respekt hat. Zwar ist die Pflege hier wohl nicht ganz so professionell wie in Deutschland, dafür aber umso menschlicher. Umarmungen und andere kleine Liebkosungen sind ganz selbstverständlich. Bedingt durch die niedrigeren Lohn­kosten, kümmern sich 30 Pfleger und Krankenschwestern um die nur zehn „Gäste”. Ein Gast hat drei persönliche Betreuer zugewiesen, über 24 Stunden verteilt bedeutet dies ein Betreuungsschlüssel 1:1. Von einer solchen Personalausstattung können Pflegeheime in Deutschland nur träumen. Finanziert wird die Betreuung (ca. 2.000 Euro monatlich) nur durch die Renten der Bewohner und Beiträge der Angehörigen; staatliche Zuschüsse oder Subventionen gibt es nicht.

Nachteile der Pflege im Ausland

Natürlich bringt ein Pflegeplatz im Ausland nicht nur Vorteile mit sich. Für die meisten älteren Menschen ist es nicht einfach, insbesondere dann, wenn es sprachliche Barrieren gibt. In vielen Einrichtungen sind mittlerweile aber auch deutschsprachige Pfleger und Krankenschwestern angestellt. Die ungewohnte Umgebung ist für viele Pflegebedürftige jedoch nicht immer auszuhalten. Ein weiterer Negativpunkt ist, dass im Ausland nicht die gleichen Standards wie in Deutschland gelten. Sicherheits­überprüfungen elektrischer Geräte finden hier zum Beispiel kaum statt. Zudem ist es für die Familie schwierig, ihre Angehörigen im Pflegeheim regelmäßig zu besuchen, denn die Entfernungen sind nur schwer zu überbrücken.

Pro- und Contra-Argumente in der Übersicht

Pro

  • Niedrigere Pflegekosten als in Deutschland (Osteuropa / Thailand)
  • Ggf. bessere Personalausstattung / Betreuungsschlüssel aufgrund der niedrigeren Personalkosten

Contra

  • Sprachbarriere / Fremde Umgebung
  • Fehlende deutsche Standards (Ausbildung, Sicherheitsüberprüfungen etc..)
  • Ggf. hohe Reisekosten für Besuche von Angehörigen

Fazit

Die Pflege im Ausland ist ein schwieriges Thema, über welches man lange und kontrovers diskutieren kann. Sicher ist dies keine einfache Entscheidung, deren Für und Wider man gut abwägen sollte. Ist der Pflegebedürftige noch geistig fit, sollte dieser in die Entscheidungsfindung unbedingt mit einbezogen werden. Bei starker Altersdemenz sollte berücksichtigt werden, wie der zu Pflegende selbst entschieden hätte. Würde er / sie es befürworten, dass das Familienvermögen für die Pflege im Alter verbraucht wird? Was wäre ihm / ihr für eine gute Pflege besonders wichtig? Kann eine liebevolle Betreuung das fehlende vertraute Umfeld aufwiegen?

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