Auswandern nach Amerika – Interview mit Chicago BloggerIn Kristina

Rainer6.03.2009 in Interview

Ich freue mich euch ein neues Auswanderer-Interview präsentieren zu können. Nach knapp 6 Monaten Interview-Pause war es dafür auch mal wieder dringend an der Zeit. :-). Diesmal geht es um die USA, das Auswanderungsland schlechthin. Für das Interview hat sich Chicago-BloggerIn Kristina freundlicherweise bereit erklärt. Ihre Antworten sind sicher für alle USA Interessierten interessant und aufschlussreich.

Viel Spaß beim Lesen.

1. Hallo Kristina, bitte stell dich kurz vor.
Ich heiße Kristina Allgöwer, bin 27 Jahre alt und lebe seit einem halben Jahr in Chicago. Ich bin am Bodensee aufgewachsen, habe in Ravensburg Medien- und Kommunikationswirtschaft studiert und danach die Deutsche Journalistenschule in München besucht. Anschließend habe ich in Hamburg eine Reihe von Hospitanzen gemacht: beim Hamburgteil der taz, dem Magazin max, der Financial Times Deutschland und dem Spiegel. Vor zweieinhalb Jahren habe ich mich selbständig gemacht und mit anderen freien Journalisten eine Bürogemeinschaft gegründet (www.elbe03.de).

2. Was war der Grund für dich in die USA auszuwandern?
Während der Schulzeit und des Studiums hatte ich es versäumt, ins Ausland zu gehen – irgendwie war nie der richtige Zeitpunkt. Das habe ich später bereut. Ich glaube, dass ein Auslandsaufenthalt den Horizont ungemein erweitert. Deshalb hatte ich begonnen, mich für verschiedene Auslandsstipendien für Journalisten zu bewerben. Mein damaliger Freund – inzwischen sind wir verheiratet – bewarb sich gleichzeitig auf mehrere Stellen für deutsche Wissenschaftler in Nordamerika. Bei ihm hat es dann zuerst geklappt. Wir hatten Glück, in so einer spannenden Zeit nach Chicago kommen zu dürfen. In den USA ist gerade alles im Umbruch, der Beginn einer neuen Ära. Auch vom Wahlkampf haben wir noch viel mitbekommen.

3. Wie schwierig waren die bürokratischen Hürden in deinem/eurem Fall?
Man würde es nicht glauben, aber in Sachen Bürokratie übertreffen die Amerikaner tatsächlich noch die Deutschen. Der Papierkrieg ist immens, es gibt tausende Formulare mit kryptischen Abkürzungen. Seit 9/11 sind die Einreisebestimmungen natürlich auch verschärft worden. Bei unserem Interviewtermin im US-Konsulat haben wir einige Leute gesehen, die nach mehreren Stunden Wartezeit wieder nach Hause geschickt wurden, weil ihre Papiere nicht vollständig waren oder die Überweisung nicht angekommen war. Nach der Ankunft ging es dann weiter mit meiner Arbeitsgenehmigung, Social Security Number etc. Es ist also schon ein bisschen stressig, aber am Ende ist bei uns alles gut gegangen.

4. Du wohnst in Chicago. Die Stadt gilt als Geheimtipp, stand aber in der Vergangenheit immer ein wenig im Schatten von New York. Deiner Meinung nach zu unrecht? Wie siehst du Chicago?
Ja, die Chicagoer leiden schon sehr darunter, die „Second City“ zu sein. Aber seien wir ehrlich: Alle Städte stehen irgendwie im Schatten von New York, nicht nur Chicago. Ich glaube aber, dass Chicago durch die Wahl Barack Obamas doch sehr an Selbstbewusstsein gewonnen hat, immerhin darf es sich jetzt als Heimatstadt des Präsidenten bezeichnen. Und in der Wahlnacht am 4. November hat die ganze Welt auf die Chicago geschaut. Vielleicht wird Chicago sogar Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2016. Viele Leute sagen, dass die Chicagoer freundlicher sind als die New Yorker. Und der Lake Michigan ist natürlich fantastisch, er sieht aus wie ein Meer. In welcher Stadt kann man schon am Sandstrand liegen, die Wolkenkratzer hinter einem und leuchtend blaues Wasser bis zum Horizont vor einem. Manhattan ist zwar eine Insel, kehrt dem Wasser aber den Rücken zu. Der Hudson und der East River sind wohl auch nicht unbedingt zum Baden geeignet.

5. Du wohnst in Chicago, arbeitest aber auch für ein Hamburger Redaktionsbüro. Ein sehr modernes Arbeitskonzept! Spielt die räumliche Distanz dank moderner Kommunikationsmittel heutzutage keine Rolle mehr?
Das stimmt, ich kann von hier aus problemlos für meine deutschen Auftraggeber arbeiten. Dank Skype ist auch das Telefonieren kein Problem! Ich habe sogar eine deutsche Telefonnummer mit Hamburger Vorwahl. Wer mich hier anruft, muss also nur die Telefonkosten ins deutsche Festnetz bezahlen. Wegen des Zeitunterschieds kann es dann allerdings auch passieren, dass morgens um sieben das Telefon klingelt – das ist der Nachteil an den modernen Kommunikationsmitteln.

6. Welche großen Unterschiede kannst du zwischen dem Leben in Hamburg und Chicago feststellen?
Für mich persönlich erfordert das Leben hier mehr Selbstdisziplin. Ich habe kein Büro mehr, in das ich jeden Tag gehen kann, sondern arbeite von zu Hause aus oder im Coffeeshop. Da bin ich glücklicherweise nicht die einzige: Während ich diese Antwort tippe, sitzen mindestens zehn Leute mit Laptops um mich herum. In vielen Cafes gibt es freies WIFI, und auch wenn man den ganzen Tag nur einen Kaffee kauft (free Refills!), beschwert sich niemand. Um mehr Routine in meine Arbeitswoche zu bringen, arbeite ich regelmäßig als Volunteer bei einer Organisation, die sich um Obdachlose kümmert. So lerne ich auch eine Seite von Amerika kennen, die nicht jeder Tourist oder Expat sieht. So gut es mir gefällt muss ich aber sagen, dass ich unterschätzt habe, wie anstrengend es ist, sich in einem anderen Land einzuleben. Die Amerikaner unterscheiden sich nicht nur durch die Sprache von uns, sie leben eine andere Kultur. Es gibt tausend kleine Regeln, die man erst einmal verstehen und lernen muss: Wie verhalte ich mich im Aufzug oder an der Supermarktkasse, welche Beziehungen hat man zu den Nachbarn und wie sieht eine amerikanische Freundschaft aus?

7. Du betreibst einen Blog unter www.chicago-blogger.com. Könntest du deinen Blog bitte kurz vorstellen?
Seit August 2008 schreibe ich dort über alles, was mir als Ausländerin im Alltag in Chicago so auffällt: Über kleine Kuriositäten wie Waschmittel für Gemüse oder beheizte Bahnsteige, über gechlortes Wasser und absurd konstruierte Badewannen. Über die eben erwähnten Kulturunterschiede, wie den „American Exceptionalism“ oder das Verhältnis der Amerikaner zu Gewalt und Sexualität. Über das Leben in einem Wolkenkratzer und amerikanische Feiertage wie Thanksgiving oder Halloween. Spannend finde ich auch, wie sich Kulturen gegenseitig wahrnehmen. In diesem Fall also: Wie sieht Deutschland aus amerikanischer Sicht aus, wie werden die Deutschen in den Medien dargestellt?

8. Was können wir in Zukunft von deinem Blog erwarten?

Ich plane keine großen Veränderungen, sondern hoffe einfach, dass ich weiterhin regelmäßig zum Schreiben komme und nicht den Blick für die Themen verliere, die für meine deutschen Leser interessant sind. Das Bloggen macht mir großen Spaß, und es macht süchtig. Auch für mich selbst sind die Aufzeichnungen im Blog wirklich hilfreich: Es passiert so viel und die Zeit vergeht so schnell – das vergisst man schon einmal, was einen die ersten Monate in einem fremden Land beschäftigt hat.

9. Kannst du USA-Auswanderungswilligen auch einen guten Tipp mit auf den Weg geben?
Für Auswanderer allgemein: Seid euch im Klaren darüber, dass ihr euch mit einer anderen Kultur auseinandersetzen müsst, dass ihr die Ausländer sein werdet und dass der Anfang schwer sein wird. Ich glaube, dass meine Englischkenntnisse ziemlich gut sind, und trotzdem fehlt manchmal einfach das passende Wort. Das kann anstrengend sein. An USA-Auswanderer: Glaubt nicht alle Horrorgeschichten, die ihr über abgelehnte Visa, verweigerte Einreisen und Ausweisungen in Handschellen hört und lest. Natürlich ist es wichtig, alle Formalitäten einzuhalten, aber ich habe mich damals wirklich viel zu verrückt gemacht.

Vielen Dank für das Interview!!

3 Comments on “Auswandern nach Amerika – Interview mit Chicago BloggerIn Kristina”

  1. Hi Kristina,
    habe deinen Kurzbericht gelesen und finde ihn klasse.
    War jetzt im April das erste Mal in New York und möchte auch auswandern.
    Mein Problem ich weiß nichts….
    Komplett abmelden in D??
    Erst Arbeit suchen in N.Y.? Greencard wie wann wo???
    Naja es ist noch viel zu tun…
    packen wir es an.
    Wünsche dir und deinem Mann auch weiterhin alles Gute und hoffe noch mehr von dir zu lesen.

    Lieben Gruß
    Dunja

  2. Pingback: Work and Travel: Auswandern auf Zeit | Auswandern Blog

  3. Hallo Kristina,

    sind Sie die Journalistin, die 2008 für Stern ein Interview mit Andreas von Bechtolsheim gemacht hat?

    Ich suche ein Kontaktmöglichkeit zu ihm, weil er einer der wenigen Menschen weltweit sein dürfte, der folgendes Problem lösen kann:

    Mein kleiner Sohn Matteo, 2 Jahre, ist seit kurzen von Diabetes 1 betroffen.
    Eine Chance auf Heilung gibt es heute noch nicht, vermutlich auch nicht zu seinen
    Lebzeiten. Sein Leben wäre aber um ein vielfaches einfacher, wenn man den Blutzuckerwert non-invasiv also z.B. per Scan bestimmen könnte.

    Hier das Problem:

    Jeder Diabetiker muss mehrmals täglich seinen Blutzuckerwert bestimmen.
    Je öfter er das tut, umso besser kann er mit der Krankheit umgehen, umso
    weniger Langfristschäden trägt er davon, umso höher ist seine Lebenserwartung.

    Die Bestimmung des Blutzuckerwertes erfolgt heutzutage – 21. Jahrhundert!!! –
    immer noch mit einem kleinen Einstich in eine Fingerkuppe und dem Einbringen
    eines kleinen Bluttropfens in ein Blättchen, das man vorher in ein Messgerät
    gesteckt hat. Tag für Tag aber steht man unzählige Male vor der Situation, den
    Wert wissen zu wollen, misst aber nicht, weil man nicht schon wieder stechen will
    oder gerade nicht kann. Das gilt in natürlich in verstärktem Maße bei Kindern.

    Zur Messung z.B. des Sauerstoffgehalts im Blut wird lediglich ein kleiner Lichtsensor
    auf die Fingerkuppe gehalten und schon hat man den Wert.

    Den Zuckergehalt ebenfalls non-invasiv zu bestimmen, ist bis heute entweder
    technisch nicht machbar oder erfolgreich verhindert, da es lukrativer ist, die
    Diabetiker ein Leben lang mit den Messblättchen zu melken. Man schätzt die
    Anzahl der Diabetiker mittelfristig auf rund 300 Millionen.

    Ein Gerät zu haben, das den Blutzucker von außen messen kann, wäre für
    meinen Matteo, meine Frau und Millionen von Menschen der Beginn eines neuen Lebens.

    LG
    Guido Gerold

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