Im Auswandern-Interview: Ukraine-Bloggerin Valeria

Rainer3.12.2013 in Interview

Ukraine cc Vinci 71 / Flickr

Die Ukraine ist…? Ein Land zwischen Europa (EU) und Russland? Bekannt für ein jährlich stattfindendes großes Technofestival (Kazantip)? Ich selbst weiß leider ziemlich wenig über die Ukraine, dabei liegt das Land gar nicht so weit weg von Deutschland. Um meine offensichtliche Bildungslücke zu schließen, habe ich Ukraine Bloggerin Valeria gebeten, mir ein wenig mehr über Land, Leute und Perspektiven (natürlich auch für Auswanderer) zu berichten:

1. Hallo Valeria, bitte stell dich meinen Lesern kurz vor:

Gerne. Ich heiße Valeria, wurde 1988 in Sewastopol, Ukraine geboren und lebe seit 1995 in Berlin. Ich mag es zu reisen, was ich in letzter Zeit hauptsächlich in die Ukraine tat, zu schreiben, zu lesen, mich weiter zu entwickeln und andere Menschen zu verstehen bzw. ihnen zu helfen. Beruflich gesehen, warte ich derzeit auf das letzte Ergebnis meiner IHK-Abschlussprüfung zur Bürokauffrau und bin nebenbei selbständig tätig.

2. Du besuchst aber weiterhin regelmäßig dein Geburtsland. Welche Orte, Gegenden etc. sollte man „als Tourist“ unbedingt gesehen haben.

Ja, richtig. Seit ca. 2002 reise ich regelmäßig zurück in mein Geburtsland. Die Ukraine ist riesig und daher gibt es sehr viele sehenswerte Orte. Touristen oder „Neulingen“ empfehle ich zunächst die großen und bekannten Städte zu entdecken. Natürlich die Hauptstadt Kiew, dann Lviv (Lemberg), Harkiv, die Karpaten (Gebirgszug) und die Halbinsel Krim.

3. Welche großen Unterschiede kannst du zwischen dem Leben in Deutschland und der Ukraine feststellen?

Das Leben in der Ukraine ist einfacher und freier, was nicht heißt, dass die Menschen dort keine Probleme und Ziele haben. Es ist bloß anders. Dort herrschen andere bzw. weniger Regeln, so dass ich das Gefühl habe, die Menschen verspüren weniger Druck und Hektik und sind auch lebensfroher.

Manchmal frage ich mich, wie eine qualifizierte junge Frau, welche 1.000 Griwna/Hrywnja (ukrainische Währung) im Monat verdient, was umgerechnet ca. 100 € sind, über die Runden kommen kann, wenn z.B. der Besuch in die Diskothek bereits 10 € kostet. „Kann ich nicht“, sagt sie selber und lebt daher noch bei ihren Eltern. Das ist es, worauf viele zurückgreifen. Unterstützung von den Eltern und Freunden, Erträge von den Kleingärten (Gemüseverkauf von der eigenen Datscha), Kreditaufnahme, Zweit- und Drittjob usw.

Es ist schwierig alles auf jeden zu pauschalisieren. Natürlich gibt es Unterschiede in den Regionen und je nach Einkommen. Jemand der umgerechnet 100 € im Monat bezieht, lebt anders, als jemand der 1.000 € verdient, dennoch legen die meisten viel Wert auf Tradition und eine Gemeinschaft.

Diese Gemeinschaft oder den starken Zusammenhalt pflegen bzw. „müssen“ die Ukrainer wohl in Anspruch nehmen. Etwas in der Form finde ich in Deutschland weniger wieder oder habe es selber einfach nicht erlebt.

Das Thema Geld spielt in der Ukraine eine große Rolle – aber wo tut es das nicht?

Jedes Land hat Vor- und Nachteile. Wenn ich überlege auszuwandern, ziehe ich alles in Betracht und entscheide, was mir persönlich wichtiger ist.

Die Ukraine ist die Ukraine und Deutschland ist Deutschland.

4. Wie schätzt du die Entwicklung in der Ukraine ein? Kannst du dir vorstellen irgendwann wieder ganz in die Ukraine zurückzukehren?

Sehr langsam. Manchmal habe ich das Gefühl, das Land geht einen Schritt vor und drei Schritte zurück. Klar, die Großstädte entwickeln sich oder haben schon länger einen höheren Lebensstandard, aber fahre ich nur wenige Kilometer raus, so stelle ich fest, dass dort die Zeit noch stillsteht bzw. vieles noch aus der Sowjetunion stammt.

Ja, ich kann mir sehr gut vorstellen wieder ganz in die Ukraine zurückzukehren. Vielleicht erstmal für einen längeren Zeitraum. Vielleicht aber auch für immer. Warum? Weil ich erstens Verwandte und Freunde dort habe und zweitens das einfache oder sagen wir besser das freiere Leben bevorzuge. Als Überlebenskünstler quasi. Zudem bietet die Ukraine faszinierende Naturlandschaften, das Schwarze und Asowsche Meer, gastfreundliche Menschen, die vielfältige, traditionelle (und leckere) Küche uvm.

Mit Euros in der Tasche lässt es sich dort eben super Urlaub machen und leben – was die Ukraine jetzt schon als attraktives Auswanderland macht.

5. Themenwechsel! Du betreibst einen Blog unter mein-ukraine-blog.de. Könntest du diesen bitte kurz vorstellen?

Richtig. Ehrlich gesagt ist der Ukraine Blog im Jahr 2011 eher „zufällig“ entstanden. Obwohl ich stets in die Ukraine reiste und reise, die Verbindung zu der Kultur und Sprache verspüre und pflege, hatte ich nie vor, darüber zu schreiben. Zumindest nicht zu der Zeit und nicht in der Form. Ich suchte damals einfach, etwas, was mich von einigen Sorgen ablenkt und mir Freude bereitet. Also habe ich angefangen über mein Geburtslands zu Bloggen, da es mir am Herzen liegt.

Ich beschäftigte mit immer weiter damit und die Leidenschaft entwickelte sich weiter. Ich lernte selber unheimlich viel und betrachtete das Land auf einmal mit anderen Augen.

Manchmal denke ich darüber nach, wie wohl der Blog wäre, hätte ich schon im Jahr 2002 damit angefangen. Aber wofür? Sicher wäre er lediglich umfangreicher. 😉

Ich beziehe mich im Blog zum größten Teil auf meine aktuellen Reisen und Erfahrungen, was davor war weiß ich alles gar nicht mehr so detailliert. Schade, aber Grund genug, das Ganze „nachzuholen“ und „neu“ zu entdecken. Natürlich möchte ich mehr Reisen, hier wünsche ich mir auch den Fokus beizubehalten und vor allem auch auf die kleinen Städte aufmerksam zu machen.

Den Lesern helfen, sie inspirieren und motivieren und den Menschen, die entweder gar nichts über das Land wissen es näher bringen und denen, die denken, die Ukraine ist ein armes, korruptes Land zeigen, dass es weit mehr ist – zum Beispiel ein faszinierendes Reiseland mit unheimlich starken Menschen.

Das Land hat es verdient, dass die Informationen in den Medien ausbalanciert sind.

6. Gibt es neben deinem Blog noch weitere Websites die Ukraine Interessierte (und künftige Auswanderer) unbedingt kennen und lesen sollten?

Ja klar, es gibt einige Webseiten, worin z.B. deutsche Auswanderer über ihr Leben in der Ukraine berichteten oder berichteten. Ich habe vor einiger Zeit bereits welche zusammengestellt: http://www.mein-ukraine-blog.de/2012/07/20/andere-ukraine-blogs-teil-ii/

Darüber hinaus gibt’s eine große Gemeinschaft vieler Ukraine-Interessierter, Ukraine-Erfahrener (auch Auswanderer) und Ukrainer in Foren. Hier wird gerne diskutiert und vor allem Anfängern geholfen:

http://www.forum-ukraine.de/forum/
http://ukrainer-forum.com/

7. Welchen speziellen Tipp würdest du jemandem geben der in die Ukraine auswandern möchte?

Vielleicht kein spezieller, aber dafür ein wertvoller (Standard-) Tipp: Hole dir Rat bei den Auswanderern und Ukrainern. Nicht zu empfehlen sind dafür extra betriebene Firmen, da ich gehört habe, dass diese nur auf das Geld aus sind. Sie wissen, dass die Deutschen z.B. die ukrainischen Sprache nicht beherrschen, keine Ahnung haben, wo und wie sie Formalitäten erledigen sollen und i.d.R. Geld haben – leichtes Spiel für die Unternehmen.

Also: Wer in der Amtssprache lesen/sprechen kann, ist klar im Vorteil – gilt für alle Auswanderer.
Von Kiew weiß ich, dass es dort Stammtische für Deutsche und Österreicher gibt – sich dort anzuschließen schadet sicher nicht.

Vielen Dank für das Interview!

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