Auswandern trotz Schulden: Flucht ins Ausland ist keine Lösung!

Rainer23.02.2016 in Vorbereitung

Einsame Insel cc whl.travel / Flickr

Flucht ins Ausland / auf eine einsame Insel?

Jeder zehnte Deutsche gilt laut Statistik als hoch verschuldet und ist langfristig nicht in der Lage die Schulden abzuzahlen. Manch einer denkt in dieser Situation auch ans Auswandern bzw. einen Neuanfang im Ausland. Doch der Umzug ins Ausland ist nur ganz selten eine Lösung, eine Auswanderung ohne finanzielle Mittel ist fast immer zum Scheitern verurteilt. Zudem muss der Schuldner die zahlreichen rechtlichen Konsequenzen bedenken. Welche Fallstricke lauern, erkläre ich im Folgenden:

Darf man überhaupt auswandern?

Auch mit Schulden darf man auswandern, jeder darf seinen Wohnort frei bestimmen. Doch die Schulden bleiben auch im Ausland bestehen und können je nach Land auch dort eingetrieben werden. Innerhalb der EU gibt es beispielsweise einen europäischen Vollstreckungstitel, den die anderen Mitgliedsländer automatisch anerkennen. Wer also in ein anderes EU-Land zieht, nimmt seine Schulden automatisch mit. Die Schulden werden dann ggf. von einem lokalen Inkassounternehmen eingetrieben.

Abhauen ist auch keine Lösung!

Einige Schuldner denken auch an Flucht: Also einen Umzug ins Ausland, ohne den Gläubigern den neuen Wohnort mitzuteilen. Dies ist moralisch ziemlich fragwürdig. Allerdings ist man bei der Abmeldung in Deutschland nicht verpflichtet, den neuen Wohnort im Ausland anzugeben. Logischerweise ist es dann für den Gläubiger schwierig eine Zwangsvollstreckung zu betreiben und lohnt sich nur bei hohen Summen. Inkassobüros haben aber auch Möglichkeiten Menschen im Ausland aufzuspüren (z.B. mittels Melde- und Wählerregister, Websuche etc….).

Was passiert mit den Schulden?

Aber auch wenn man untertaucht und unentdeckt bleibt, durch die Flucht verschwindet der Schuldenberg in Deutschland nicht. Der Gläubiger kann in diesem Fall einen Schuldtitel vor Gericht erwirken und die Forderung verjährt in Deutschland erst nach 30 Jahren!

Vielfältige Konsequenzen bei der Rückkehr

Kehrt der Schuldner irgendwann nach Deutschland zurück, steht dieser vor einem noch größeren Schuldenberg. Eine Rückkehr nach Deutschland ist übrigens bei Auswanderern nicht so unrealistisch, wie viele denken. Sehr viele  Auswanderer scheitern und sind gezwungen irgendwann nach Deutschland zurückzukehren. Durch die Zinsen und Zuschläge sind die Schulden während der Abwesenheit weiter gestiegen, ggf. wurde vom Gläubiger ein Strafantrag wegen Betruges gestellt. Möglicherweise wartet sogar ein Haftbefehl, weil der Schuldner die Abgabe der Eidesstattlichen Versicherung (früher: „Offenbarungseid“) versäumt hat. Der negative Schufa-Eintrag macht es zudem schwierig eine Wohnung anzumieten. Selbst die Eröffnung eines Girokontos oder der Abschluss eines Handyvertrags kann dann zum Problem werden. Flucht ist also keine Lösung, besser man entscheidet sich für die ehrliche Variante „Schulden abbezahlen“.

Wann die Auswanderung dennoch denkbar ist?

Deutschland geht es wirtschaftlich ganz gut, zumindest im Vergleich zu vielen anderen (Süd)europäischen Ländern. Doch nicht alle Menschen profitieren davon, da vor allem befristete Beschäftigung, Leiharbeit und schlecht bezahlte Minijobs boomen. Selbst für Berufseinsteiger mit Hochschulabschluss ist es nicht einfach die hohen Bafögschulden abzubauen, wenn man sich von einem Langzeitpraktikum zum nächsten hangelt.

In einigen Nachbarländern, ich denke da beispielsweise an die Schweiz oder die skandinavischen Länder, sind solche prekären Arbeitsverhältnisse weit weniger verbreitet als bei uns. Wer also in der Schuldenfalle sitzt und hierzulande wenig Jobperspektiven sieht, kann sich natürlich auch für einen „besser bezahlten Job“ in einem der genannten Nachbarländer bewerben. Ein höheres Lohnniveau, mehr Jobsicherheit und gleichzeitig niedrigere Steuern können helfen, den Schuldenberg schneller abzutragen. In der EU herrscht ja bekanntermaßen Freizügigkeit, so dass Visumsanträge unnötig sind und der Umzug ggf. kaum teurer ist, wie innerhalb Deutschlands. Natürlich ist eine solche Auswanderung nur mit einem konkreten Jobangebot und einem unterschriebenem Arbeitsvertrag sinnvoll, da Arbeitssuchende ggf. keine Sozialhilfe erhalten und die Lebenshaltungskosten in den genannten Ländern weit höher sind als in Deutschland, so dass man ohne Job nur noch tiefer in die Schuldenfalle rutscht.

USA, Australien, Kanada: Fernziele sind meist ungeeignet

Außerhalb der EU / Europas sind die Visumsrichtlinien allerdings deutlich strenger. Für ein Arbeitsvisum muss man häufig eine besondere Qualifikation nachweisen (z.B. Studienabschluss, abgeschlossene Berufsausbildung), benötigt ein konkretes Jobangebot oder muss Sprachkenntnisse und finanzielle Mittel vorweisen etc…. Der Weg zum Visum ist entsprechend langwierig und teuer. Daher sind klassische Auswanderungsländer wie Australien, Kanada, Neuseeland oder die USA für Schuldner trotz möglicherweise attraktiver Beschäftigungsmöglichkeiten in der Regel ungeeignet.

In exotischen Dritt-Welt-Ländern gibt es ebenfalls Visumshürden. Zudem sind die Jobperspektiven meist so schlecht, dass Auswanderer Rücklagen benötigen bzw. nur als Selbstständige Perspektiven haben. Und ohne Geld ist das Leben dort um einiges härter, da ein soziales Netz wie in Deutschland nicht existiert.

Fazit

Die Auswanderung bedeutet nicht, dass man seine Schulden plötzlich los ist. Auch wer im Ausland lebt und arbeitet muss seine hiesigen Kredite abbezahlen. Man sollte daher im Vorfeld alle Möglichkeiten ausschöpfen (Schuldnerberatung, mit Gläubigern Ratenpläne vereinbaren, Umschuldung* bis hin zur Privatinsolvenz**.) und zunächst versuchen hierzulande schuldenfrei zu werden.

schuldnerberatung

Schuldnerberatung: Da viele Schuldner den Überblick über die eigene finanzielle Situation verloren haben, ist der Gang zur Schuldnerberatung sinnvoll. Diese erstellt zunächst eine Aufstellung der tatsächlichen finanziellen Situation inklusive aller Schulden. Dann erörtert die Schuldnerberatung mit dem Schuldner Möglichkeiten, die Schulden zu tilgen. Die Schuldnerberatung verhandelt außerdem mit den Gläubigern. Im günstigsten Fall kann ein Zahlungsplan vereinbart werden. Sofern das nicht möglich ist, wird im ungünstigsten Fall die Privatinsolvenz in die Wege geleitet.

*Umschuldung: Eine Kreditumschuldung ist sinnvoll, wenn die Zinsen aktueller Darlehensangebote günstiger sind als die Ihrer bestehenden Schuld. Eine Umschuldung können Sie außerdem vornehmen, wenn Sie mehrere Kredite aufgenommen haben. Sie können Zinsen sparen und den Überblick über Ihre Finanzen verbessern, wenn Sie die Kredite zusammenführen.

**Privatinsolvenz: Die Privatinsolvenz ist eine Möglichkeit sich von der Restschuld befreien zu lassen, sofern die Schulden nicht mehr zu bewältigen sind. Nach sieben Jahren ist man schuldenfrei.

3 Comments on “Auswandern trotz Schulden: Flucht ins Ausland ist keine Lösung!”

  1. Die Androhung Auszuwandern ist gut, für die Verhandlung mit den Gläubigern. Schnell kann man sich so auf einen Vergleich von 1 oder 2 Prozent einigen. Ein Haftbefehl für eine EV ist ja kein Problem. Bei abreise muss die EV nur abgegeben werden. In der Regel hat kein Gläubiger Lust, die Haftkosten zu übernehmen. Denn diese müssen im Voraus einbezahlt werden. Insofern ist der Haftbefehl nur eine Drohgebärde.

  2. Hallo,

    ich bin vor 2.5 Jahren in die ausgewandert weil ich meinen jetzigen Mann (US Amerikaner) geheiratet habe. Green Card hab ich und die 10 jaehrige laeuft. Insgesamt habe ich ca 17000 Euro Schulden bei etlichen verschiedenen Glaeubigern. Letztes Fruehjahr habe ich angefangen die hoeheren Betraege abzubezahlen was allerdings schwer ist, da in Deutschland keine Firma Paypal, Kreditkarte oder Scheck akzeptiert und pro Ueberweisung aus den USA bezahlt man ca 50 USD. Da ich definitiv meine Schulden abbezahlen moechte, benoetige ich dringend einen spezialisierten Rechtsanwalt, kennt jemand einen guten Anwalt?

  3. Hallo Sandra,

    zum Thema Rechtsanwalt kann ich leider nicht viel sagen. Wenn du die Schulden in Deutschland abbezahlen möchtest, aber die hohen Gebühren der Auslandsüberweisung vermeiden möchtest, dann habe ich einen guten Tipp. Es gibt spezielle Zahlungsdienstleister, bei denen du für eine Auslandsüberweisung deutlich weniger als bei klassischen Banken bezahlst. Schau dir mal meinen Bericht über Transferwise an.

    http://www.auswandern-handbuch.de/transferwise-test/

    Viele Grüße

    Rainer

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